Die Erinnerungen filmisch festhalten, an den Wendepunkten des Lebens zurückblicken, die eigene Geschichte erzählen und dabei von einem professionellen Filmteam begleitet werden – das ermöglicht Memoria, ein Projekt der Berliner Filmemacher Nikita Fedosik und Moritz Henneberg, die im Gespräch mit der Übersetzerin und Autorin Iryna Herasimovich Einblicke in ihr facettenreiches Vorhaben geben.
Memoiren als Film
Iryna Herasimovich: Seit Jahrhunderten werden Memoiren geschrieben und gelesen. Manche gelten bis heute als Meisterwerke der Literatur, andere werden “nur” zu Familienreliquien. Ihr übertragt dieses literarische Genre auf den Bereich des Films. Was ist der Vorteil eines Memoirenfilms gegenüber einem Memoirenbuch?
Nikita Fedosik: Ein Buch zu schreiben ist viel mühsamer, es braucht viel Zeit und das kann nicht jede:r. Man kann natürlich einen Ghostwriter engagieren, aber dann ist das doch eine andere Stimme, die erzählt. Bei uns erzählt die Person selbst, was sie zu erzählen hat: mit ihrer Intonation, mit ihrem Vokabular, auch das Nonverbale bleibt erhalten. Im Film kann man die Erzählung auch im wahrsten Sinne des Wortes bildhafter machen.
Iryna Herasimovich: Der Memoria-Film ist ein bestimmtes Format, das ihr entwickelt habt. Was sind dessen Bestandteile?
Nikita Fedosik: Memoria ist ein lebendiges, vielschichtiges Filmportrait, ähnlich einer Skulptur, nur aus anderen Materialien. Im Zentrum stehen die Videoaufnahmen der Person, wie sie über ihr Leben erzählt, wobei nicht nur der Inhalt, sondern auch die Art des Erzählens, die Gestik, die Mimik, die Intonation eine große Rolle spielen. Ergänzt wird das Porträt durch Archivmaterial wie alte Fotos oder Videos und, wenn gewünscht, durch Aufnahmen von Orten, die für die Person von Bedeutung sind, oder durch Interviews mit Freunden und Familienmitgliedern.
Die Geschichten der Großmutter
Iryna Herasimovich: Euer Projekt ist sehr breit gefächert, von privaten Aufträgen über Dokumentationen von Vereinen bis hin zu Lebensgeschichten, die ihr selbst als Stoff auswählt. Wo beginnt so ein komplexes Projekt?
Moritz Henneberg: Die Idee, Erinnerungen älterer Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen, hatte ich schon sehr lange. Wenn ich mir genau überlege, war es immer mein Wunsch, das festzuhalten, was sich verändert, was vielleicht bald nicht mehr da sein wird. Das war meine Art, mit den Veränderungen in meinem Leben umzugehen. Ich habe zum Beispiel die Wohnungen fotografiert, aus denen ich auszog. Auch Nikita fotografiert und filmt viel, sei es im Alltag oder auf Reisen.
Der Film, der uns letztendlich zu Memoria geführt hat, auch wenn er damals nicht so genannt wurde, habe ich während meines Studiums gemacht. Es war ein Film über meine Großmutter. Mit den Geschichten meiner Großmutter bin ich aufgewachsen, sie haben mir sehr viel bedeutet und deshalb habe ich mich entschieden, sie in einem Film festzuhalten.
Iryna Herasimovich: Was bedeutet dieser Film für dich nicht als Filmemacher, sondern als Enkelkind?
Moritz Henneberg: Seine Bedeutung wird mir gerade in diesen Tagen noch deutlicher: Meine Großmutter ist vor einer Woche gestorben, aber in meinem Kopf ist sie immer noch lebendig, und durch diesen Film habe ich sie besser kennen gelernt und kann sie so für immer in meinem Kopf lebendig halten. Fotos allein können das nicht. Sie zeigen, wie jemand aussah, aber nicht, wie die Person wirklich war. Videos fangen die Persönlichkeit ein, die kleinen Gesten, die Art zu sprechen – all das, was einen Menschen ausmacht.
Bei Memoria machen wir nicht nur Interviews, sondern begleiten die Person, wie sie jetzt ist, zeigen ihren Alltag, die Orte, die ihr wichtig sind – und das wird helfen, Erinnerungen zu wecken, auch wenn die Person nicht mehr da ist. Noch nach Jahren werden die Enkel wissen: So hat sie den Tee eingeschenkt, so umständlich, so hat ihre Stimme geklungen – die kleinen Details sind sehr wichtig, um die Person im Gedächtnis zu halten.
Es ist für mich die schlimmste Vorstellung, dass ein Zeitpunkt kommen kann, an dem man sich an die geliebte Person gar nicht mehr erinnern kann und kein Bild mehr vor Augen hat.
Iryna Herasimovich: Ankämpfen gegen das Verschwinden, eine der wichtigsten Tätigkeiten der Menschheit, ganz essentiell und existentiell.
Iryna Herasimovich: Ich kann mir vorstellen, dass ein solcher Film einen neuen Erfahrungsraum mit der Großmutter und wahrscheinlich auch mit den anderen Familienmitgliedern eröffnet.
Moritz Henneberg: Auf jeden Fall! Sowohl bei den Aufnahmen als auch beim gemeinsamen Anschauen. Meine Mutter und meine Tante waren sehr bewegt. Sie entdeckten Geschichten, die sie noch nicht kannten. Es wäre interessant, ihnen den Film jetzt, nach dem Tod der Großmutter, noch einmal zu zeigen, es war nicht leicht für sie, ihre Mutter gehen zu sehen.
Meine Großmutter selbst hat den Film auch gesehen und kommentiert. Sie sagte oft: "Ja, genau so war es." Manchmal erzählte sie während des Films weitere Details, die ihr einfielen. Es war schön zu sehen, wie sie ihre eigenen Erinnerungen wieder aufleben ließ.
Iryna Herasimovich: Was waren das für Geschichten, die sie erzählt hat?
Moritz Henneberg: Kriegsgeschichten: Von der Evakuierung nach Königsberg, als sie elf Jahre alt war, zusammen mit ihrer Schwester, die neun war. Der Vater hatte sie verlassen. Sie gingen mit einer Nachbarin, die Mutter blieb in Berlin. Die Nachbarin (meine Großmutter nannte sie eine Hexe) schikanierte sie, gab ihnen nichts zu essen, ließ sie warmes Schweineblut trinken, später kamen sie zurück nach Berlin und erlebten die Zerstörung der Stadt.
Durch solche Erzählungen bekommt man einen anderen Zugang zur Geschichte, auch zu späteren Ereignissen wie der Blockade, als sie nur durch die Luftbrücke von den Amerikanern versorgt wurden, oder dem Fall der Mauer.
Auch aus der Nachkriegszeit gab es bewegende Geschichten, wie zum Beispiel der erste Brief ihrer Halbgeschwister aus der zweiten Ehe ihres Vaters. Diese Halbgeschwister hat meine Großmutter erst spät kennengelernt, mit fünfzig oder sechzig, aber dann waren sie gut befreundet.
Iryna Herasimovich: Wenn man diese prägenden Ereignisse nicht kennt, kann man die Person nicht verstehen. Hattest du das Gefühl, dass du deine Großmutter besser verstanden hast und dass der Film anderen geholfen hat, sie besser zu verstehen?
Moritz Henneberg: Ja, sehr. Meine Oma war zum Beispiel immer sehr vorsichtig und hatte immer sehr viel Angst vor Sachen wie Gewitter. Sie hatte auch sehr viel Angst um uns und hat sich immer Sorgen gemacht, dass uns etwas passiert. Bei Gewitter durften wir nie raus. Und auch sonst hat sie uns immer ermahnt, auf uns aufzupassen. Wenn man ihre Kriegserlebnisse berücksichtigt, ist diese extreme Vorsicht viel verständlicher und akzeptabler.
Iryna Herasimovich: In der Forschung gibt es den Begriff der "Nebelkinder", der sich auf die Kinder und Enkelkinder von Kriegstraumatisierten bezieht: Sie erben von ihren Eltern und Großeltern oft Verhaltensmuster, die in Kriegssituationen durchaus nützlich, in Friedenszeiten aber völlig unbrauchbar sind. Nur wenn man diese Muster und ihre Hintergründe versteht, kann man sie durchbrechen. Euer Projekt kann dazu beitragen, diesen Nebel ein wenig zu lichten.
Wendepunkte des Lebens
Iryna Herasimovich: Wann habt ihr verstanden, dass es dieses Projekt geben wird?
Nikita Fedosik: Das war wohl, als wir den Film von Ingrid Krause geschnitten haben. Sie hat vom Film über Moritz’ Großmutter erfahren und uns beauftragt, einen biografischen Film über sie selbst zu machen.
Gerade bei der Arbeit an ihrem Film hat sich das Format Memoria herauskristallisiert: die Verbindung von Erzählung im Hier und Jetzt und den Archivaufnahmen. Für Ingrid Krause ist dieser Film eine Möglichkeit, aus der Ich-Perspektive über ihr Leben zu berichten, eine Art Vermächtnis an ihre Familie.
Aber Memoria ist nicht nur für ältere Menschen, die ihre Geschichten als Vermächtnis für die kommenden Generationen festhalten wollen. Wir haben inzwischen verstanden, wie universell dieses Bedürfnis ist, der Erzählung vom eigenen Leben eine Gestalt zu geben.
Wir haben zum Beispiel einen Film über die Balletttänzerin Iana Salenko gemacht, sie ist 40 und wollte ihren Abschied vom Staatsballett Berlin festhalten. Sie tanzt auf anderen Bühnen weiter, aber es ist ein wichtiger Wendepunkt für sie. Also, ein Memoria-Film kann in jedem Alter passend sein. Viele Menschen möchten ihre Erfahrungen und Erinnerungen teilen, wissen aber oft nicht, wie sie es angehen sollen. Hier setzt das Projekt Memoria an, genau diese Lücke wollen wir schließen.
Moritz Henneberg: Das kann auch ein subjektiv empfundener Wendepunkt sein. Zum Beispiel, wenn ich an mein Leben denke, so war der größte Wendepunkt das Jahr nach dem Abitur, als ich wie im Tunnel war und ein Jahr Work and Travel in Australien gemacht habe – da hätte Memoria auch gut gepasst.
Iryna Herasimovich: Nikita, bei einem deiner persönlichen Wendepunkte gab es aber bereits das Format Memoria. So arbeitet ihr gerade an einem Memoria-Film über deine Reise in deine alte Heimat Belarus.
Nikita Fedosik: In diesem Frühjahr musste ich spontan nach Belarus fahren, von wo ich ursprünglich komme und wo meine Eltern und Geschwister immer noch leben. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr dort, ich bin mit 19 nach Berlin gegangen und habe mir hier ein ganz anderes Leben aufgebaut. Und jetzt habe ich plötzlich alle zusammen, die Eltern, die Geschwister, die Großeltern – da kommt schon vieles hoch und man will das festhalten, diese Situationen, die einen bewegen, sehr unterschiedliche Sachen, zum Beispiel war ich so froh, als meine alte blinde Katze mich wiedererkannt hat.
Das Format von Memoria war für mich die Möglichkeit, einerseits die Nähe zu meiner Familie und meinen Kindheits- und Jugenderfahrungen herzustellen, andererseits aber auch Distanz zu wahren und die Tage reflektiert zu erleben.
Iryna Herasimovich: Ich kann mir vorstellen, dass bei so einer Begegnung nach Jahren viele Emotionen hochkommen.
Nikita Fedosik: Ja, das Aufkommen starker Emotionen ist bei diesem Projekt immer ein Risiko, aber es lohnt sich, denn es ist auch eine Belohnung: Man lernt sich selbst und die anderen besser kennen, man bekommt neue Perspektiven und neue Energie. Es ist wie im Fitness-Studio: Man dehnt sich, man trainiert, es ist anstrengend, aber dann bekommt das Leben ganz neue Farben.
Der Blick von außen
Nikita Fedosik: Bei den Dreharbeiten zu meinem Film haben wir auch sehr eindringlich verstanden, wie wichtig der Blick von außen ist, um über sich selbst zu sprechen und andere über zu befragen. Ohne Moritz, der mich auf dieser Reise begleitet hat, wären solche Gespräche mit meiner Familie, die im Endeffekt zustande kamen, gar nicht möglich gewesen.
Moritz Henneberg: Irgendwann merkte ich, dass ich Nikita wegschicken musste, seine Geschwister konnten ganz anders sprechen, wenn er nicht da war.
Nikita Fedosik: Das Memoria-Format setzt ja gerade voraus, dass man den Blick von außen braucht, um sich selbst besser zu verstehen. Ich hätte diese Interviews, die Moritz mit meinen Geschwistern gemacht hat, gar nicht machen können, ich wäre auf solche Fragen gar nicht gekommen, weil ich einfach ein ganz anderes Verhältnis zu ihnen habe.
Iryna Herasimovich: Was hast du denn gefragt, Moritz?
Moritz Henneberg: Zum Beispiel, wie es für sie war, als er weggegangen war, ob sie ihm das vorgeworfen haben, ob es jetzt, wo er wieder da ist, eine andere Dynamik zwischen ihnen gibt usw. Und das waren auch sehr emotionale Momente.
Nikita Fedosik: Durch den Blick von Moritz sind sehr spannende Dinge herausgekommen, so war diese Reise für mich keine Erinnerungsreise, sondern vielmehr eine Entdeckungsreise, eine Art Selbstfindung.
Diese Filme sind also oft nicht nur ein Abschied von etwas, sondern auch ein Neuanfang. Wie wenn man eine Festplatte austauscht. Die bereits erwähnte Kundin Ingrid Krause (89) sagte nach ihrem Memoria-Film, es sei, als habe man etwas abgelegt und könne nun weitermachen. Jetzt will sie einen zweiten Memoria-Film drehen lassen.
Iryna Herasimovich: Die wichtigste Leistung, die ihr euren Kund:innen in diesem Projekt anbietet ist eigentlich dieser aufmerksame, behutsam entdeckende Blick von außen, ein Auge von außen, wie es im Französischen heißt: Oeil extérieur. Der Blick von außen hilft, das Erlebte zu sortieren, Akzente zu setzen und Neues zu entdecken.
Nikita Fedosik: Genau! Und es ist wichtig, dass man sich diesem Auge von außen öffnet.
Iryna Herasimovich: Ich denke, das setzt Offenheit auf beiden Seiten voraus: Offenheit, den eigenen Blick auf den anderen zu richten, und gleichzeitig Offenheit des anderen, sich diesem Blick zu stellen. Das ist ein zentrales Thema bei vielen Philosophen, ob Jean-Paul Sartre, Emmanuel Lévinas oder Martin Buber, um nur einige zu nennen: Wie das Du, die Begegnung mit dem Anderen uns prägt, uns zu dem macht, was wir sind.
Nikita Fedosik: Es braucht diesen Blick von außen, um sich selbst von innen zu sehen. Wir wollen nicht, dass jemand mit Memoria zeigt, wie toll man ist, sondern wie man ist und wie man sich selbst erzählt.
Iryna Herasimovich: Ich verstehe. Es geht um die einzigartige Art und Weise, wie ein Mensch sein Leben bewältigt, was er oder sie daraus macht, in welche Geschichten er seine Erfahrungen einbettet.
Vor der Kamera man selbst sein
Iryna Herasimovich: Aber es ist sicher schwierig, sich so ganz vor der Kamera zu zeigen, vor allem, wenn man nicht geübt ist.
Moritz Henneberg: Oh ja! Meine Großmutter zum Beispiel wollte alles perfekt machen. Sie hatte ihre Geschichten aufgeschrieben und versuchte, sie vorzulesen. Aber das wirkte steif. Wir ließen sie vorlesen, aber dann brachten wir sie durch Fragen dazu, alles noch einmal frei zu erzählen. Als sie den Zettel weglegte, wurden ihre Erzählungen lebendiger und authentischer. Bei Memoria ist es sehr wichtig, dass man nicht performt, sondern sich entspannt und einfach authentisch ist.
Nikita Fedosik: Inzwischen haben wir gelernt, eine vertrauensvolle Umgebung zu schaffen, in der sich die Menschen sich entspannen und öffnen können. Das geschieht nicht von selbst. Wir schaffen gemeinsam mit unseren Kund:innen diesen Raum, in dem das Erinnern stattfinden kann.
Moritz Henneberg: Bei Ingrid haben wir zum Beispiel mit Fotos Erinnerungen geweckt. Beim Betrachten der Bilder hat sie uns Geschichten erzählt, die sonst vielleicht nicht zur Sprache gekommen wären. Sie hatte aber auch von Anfang an den Mut, sich direkt und ungeschönt zu zeigen, mit ihren ungelösten Fragen und Zweifeln. Diesen Mut spürt man auch in ihrem Film.
Iryna Herasimovich: Vielleicht hat ihr Mut damit zu tun, dass die Initiative zu diesem Film allein von ihr ausging, sie wurde von niemandem dazu gebracht, sondern hat sich ganz allein dazu entschieden.
Nikita Fedosik: Ja, das hat auf jeden Fall eine große Rolle gespielt. Einen Memoria-Film zu machen, muss unbedingt die eigene Entscheidung sein, sei es von Anfang an oder später. Ohne diese verbindliche Entscheidung wird es scheitern.
Dabei sein ohne zu verurteilen
Moritz Henneberg: Man muss sich schon aktiv mit seinem Leben auseinandersetzen wollen, nicht einfach durchrasen, ohne nach links und rechts zu schauen. Wenn man bewusst innehalten und schauen will, auf welchem Weg man sich gerade befindet, was will ich hier und wo geht es für mich hin, wenn man eine Wende im Leben bewusst erleben will – dann ist das der richtige Punkt für einen Memoria-Film.
Iryna Herasimovich: In solchen Momenten sind die Menschen jedoch besonders sensibel und verletzlich.
Moritz Henneberg: Deshalb ist für uns das Wichtigste, dass wir den Menschen Raum geben, ohne sie zu verurteilen. Wir sagen nicht, das war richtig, das war falsch. Und der Mensch muss zu sich selbst stehen, zu seinen Höhen und Tiefen, zu seinen Stärken und Schwächen. Die Schwächen gehören zu uns wie die Stärken, das macht unsere Einzigartigkeit aus. Wir versuchen, den Menschen dieses Vertrauen in sich selbst zu geben, dass alles, was sie sagen, auch vielleicht nicht so schöne Sachen, in Ordnung ist.
Iryna Herasimovich: Ich glaube, dass diese Haltung, die Akzeptanz allen Lebens, der Respekt davor und das Interesse an der Einzigartigkeit eines jeden Lebens, eine wunderbare Grundlage für das Vertrauen zu euch ist. Ich würde mich auf jeden Fall dem Menschen öffnen, der mich so betrachtet.
Nikita Fedosik: Mein Psychotherapeut nennt diese Haltung "dabei sein": Man nimmt sich zurück und ist bei der Person und ihrer Erzählung, man versucht gemeinsam, die Erzählung zu verstehen und weiterzuführen, gemeinsam zu erzählen. Das ist es, was wir auch mit unseren Kund:innen machen: Wir erzählen ihre Geschichte zusammen mit ihnen, stellen die Mittel, über die wir als Filmemacher verfügen, in den Dienst der Erzählung unserer Kund:innen.
Moritz Henneberg: Es ist auch unsere Kompetenz als Filmemacher, die Geschichte möglichst vollständig zu erfassen, die Erzählung durch unsere Fragen im Sinne der Person zu lenken und dies alles möglichst überzeugend zu vermitteln. Wir können mit der Person in die Erzählung eintauchen und gleichzeitig beobachten, welche Emotionen sie bei ihr auslöst, welche Erzählstränge noch vertieft werden müssen etc.
Iryna Herasimovich: Es ist eine sehr intensive zwischenmenschliche Beziehung, und wie bei jeder Beziehung ist die Entwicklung offen, sie kann gelingen oder scheitern.
Nikita Fedosik: Ja, und wenn es nicht funktioniert, dann drängen wir auch nicht. Es kann aber auch sein, dass es auf bestimmten Abschnitten funktioniert und dann will die Person nicht weiter, das ist auch in Ordnung. Wir versuchen, zu einem Ergebnis zu kommen, aber ohne dass man an seine Grenzen gerät.
Moritz Henneberg: Aber es ist schon ein großes Geschenk, wenn die Menschen sich öffnen und es funktioniert.
Iryna Herasimovich: Ist das Projekt mit einer Kundin oder einem Kunden abgeschlossen, wenn der Film fertig ist?
Nikita Fedosik: Nicht unbedingt, wir bieten auch zusätzliche Dienstleistungen an, wie das Ordnen des persönlichen Archivs. Auf Wunsch organisieren wir auch Vorführungen, und es ist auch für uns sehr spannend, die Reaktionen von Familie und Freunden zu sehen und zu beobachten, wie unser Film Beziehungen mitgestaltet.
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